Mythos Zeitreise: Über das unbefriedigte Bedürfnis, in der Zeit reisen zu wollen
Robotergesetze
Kein anderes Thema der Science-Fiction ist so öde und langweilig wie das der Zeitreise. Nirgendwo sonst ist die dramatische Entwicklung eines Handlungsstrangs so beliebig und willkürlich wie in den Geschichten, welche der Vorstellung folgen, man könnte in der Zeit reisen wie im Raum. Da die Science-Fiction sich selbst immer als Ideengeber für Wissenschaft und Forschung gesehen hat, ist die Frage, ob Zeitreisen Wirklichkeit werden könnten, durchaus eine Überlegung wert.
Ich will es mir ersparen auf alle die Filme und Romane einzugehen (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitreise), die versuchen dadurch Interesse zu erwecken, dass sie eine Gegenwartsfigur oder -situation mit einer fiktiven oder tatsächlichen Zukunft oder Vergangenheit konfrontieren. Geschenkt. Erstaunlich daran ist nur, dass es offenbar viele Leute gibt, die bereit sind für den ganzen Schund auch noch Geld auszugeben.
Dabei muss man sich nur drei Sachverhalte klar machen, um einzusehen, dass eine Zeitreise nichts weiter ist als eine literarische Fiktion, die in der Realität niemals durchgeführt werden könnte:
Der erste Grund ist leicht einzusehen: Offenbar gibt es keine Zeitreisenden. Wenn irgendjemand in der Zukunft die Fähigkeit erlangen würde, in der Zeit zu reisen, dann wäre er doch wohl höchstwahrscheinlich bei uns vorbeigekommen, um "guten Tag" zu sagen. Kennt irgendjemand den Freund eines Freundes oder die Schwägerin eines Neffen, der oder die wenigstens gerüchteweise davon gehört hätte, dass irgendwo ein Zeitreisender aufgetaucht wäre? Oder sind die Zeitreisenden zwar da, aber so gemein und hinterhältig, dass sie sich nicht zu erkennen geben und alles daran setzen uns arglistig zu täuschen? Und wenn ja – wie haben sie es über alle die vielen Jahrhunderte und Jahrtausende der Vergangenheit geschafft uns so perfekt auszutricksen und hinters Licht zu führen? Also: Wo sind sie denn die ganzen Zeitreisenden? Solange es niemandem gelingt nachzuweisen, dass es Zeitreisende tatsächlich gibt, ist die Behauptung ihrer Existenz kontrafaktisch.
Wenn man davon ausgeht, dass es keine Zeitreisenden gibt, kann man auch im Umkehrschluss behaupten, dass es zu allen Zeiten nicht möglich ist und sein wird, in die Vergangenheit zu reisen.
Erstaunlicherweise befassen sich gerade Naturwissenschaftler ausgiebig mit Zeitreisen. Von der Einsteinschen allgemeinen Relativitätstheorie bis zur Everettschen Vielwelten-Theorie (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitreise) gibt es viele scheinbar genialen und originellen Einfälle, wie man Zeitreisen bewerkstelligen könnte. Doch schon heute ist klar, dass alle diese Theorien scheitern werden. Denn gerade diese vielen Spekulationen über die Möglichkeiten von Zeitreisen zeigen deutlich, dass es Zeitreisen niemals geben wird. Woran liegt das?
Nehmen wir an, dass es in unserer Zukunft gelingen würde, Zeitreisen durchzuführen. Dann könnte ein Zeitreisender unseren zeitgenössischen Physikern den Trick verraten, wie es geht. Wenn nun dieser Trick bekannt wäre, dann könnten wir selbst nicht nur Zeitreisen real durchführen, sondern wir müßten auch nicht mehr darüber spekulieren, wie sie funktionieren, weil wir es eben wissen würden. Da wir aber spekulieren, wissen wir es nicht. Das ist das spezielle Zeitreise-Paradox der Physiker.
Gegen das Paradox der Zeitreisenden könnte man einwenden, dass man sehr wohl in der Zeit reisen könnte, wenn man sich darauf beschränken würde, nur in die Zukunft zu reisen. Sobald eine Zeitmaschine gebaut wäre, müsste man sogar ein Verbot aussprechen, in die Vergangenheit zu reisen, damit die Realität, die zum Bau der Zeitmaschine geführt hat, nicht noch nachträglich verändert würde. Deshalb sei es nicht ausgeschlossen, dass in der Zukunft Zeitmaschinen gebaut werden könnten, und deshalb sei es auch nur logisch, dass wir keine Zeitreisenden kennen lernen können.
Auf den ersten Blick hat dieser Einwand einen gewissen Charme, weil er noch ein Hintertürchen offen hält, aber auf den zweiten
Blick offenbart er einen Widerspruch. Denn wenn man unterstellt, dass eine Reise in die Vergangenheit die
Gegenwart verändern könnte (was hier zu einem Verbot führen soll), dann muss man auch annehmen, dass eine Reise in
die Zukunft die Zukunft verändern kann (was hier möglich sein muss, damit man wieder zurückkehren kann). Auch das hört sich harmlos an, führt aber zu
unabsehbaren Folgen. Nehmen wir an, wir wollten wissen, wie es in hundert Jahren in Deutschland ausschaut, indem
wir uns hundert Jahre in die Zukunft versetzen. Das erste Problem, das gelöst werden müsste, wäre
herauszufinden, wo sich Deutschland in hundert Jahren befindet - denn schließlich dreht sich die Erde um die
Sonne und unser Planetensystem wandert durch das Weltall.1 Um eine Punktlandung herbeizuführen, müssten
wir nicht nur durch die Zeit, sondern zusätzlich noch durch den Raum reisen. Die nächste Frage wäre:
Gibt es Deutschland in hundert Jahren überhaupt noch? Vielleicht wird die Erde in fünfzig Jahren von einem
Asteroiden oder einem großen Meteoriten getroffen, der sie in tausende kleine Stücke zersprengt.
Oder vielleicht gibt es einen anderen, uns feindlich gesonnenen Zeitreisenden, der kurz vorher eine atomare Katastrophe entfacht, sodass wir direkt in
einem Glutofen landen würden. Vielleicht materialisieren wir auch einfach mitten in einer Betonmauer, weil genau an
dieser Stelle ein Hochhaus gebaut wurde.2
Interessant ist auch die Vorstellung, dass die Menschheit im Universum nicht alleine ist. Wenn man also annimmt, irgendwo im riesigen Weltall existieren Lebewesen, die der menschlichen
Technologie einige tausend Jahre voraus sind - und wenn man weiter annimmt, diese Lebewesen hätten bereits vor tausend Jahren unserer Zeitrechnung eine Zeitmaschine
erfunden, dann leben wir heute in der Zukunft dieser Lebewesen, also nach dem Bau dieser Maschine. Würden diese Lebewesen uns heute besuchen wollen, wären sie vor tausend Jahren
in die Zukunft gereist.
Auch hier wieder dasselbe Problem: Wo sind die Besucher aus der Vergangenheit, die in ihre eigene Zukunft reisen können?
Nein, es kann einfach deshalb keine Zeitreisenden aus der und in die Zukunft geben, weil die Zukunft noch nicht stattgefunden hat. Und selbst wenn jemand in Millionen von Jahren die Fähigkeit erlangen würde, in der Zeit zu reisen, dann könnte er die Vergangenheit nicht besuchen, weil die Vergangenheit nicht wiederholbar ist. Auch die Zukunft könnte er nicht aufsuchen, weil sie durch die Ereignisse der Gegenwart erst hergestellt wird. Der Zeitpfeil ist nicht umkehrbar. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitpfeil)
1Ein Zeitreisender, der sich nur eine Stunde in die Zukunft oder die Vergangenheit versetzen will, hat, anders als H.G. Wells in seinem Roman "Die Zeitmaschine" schildert, folgendes Problem zu lösen. Bei einem Erdumfang von ca. 40.000 km und einer Rotationsgeschwindigkeit von ca. 24 Stunden hat sich die Oberfläche der Erde in einer Stunde ca. 1.666,7 km weiterbewegt. Da die Erde mit einer mittleren Bahngeschwindigkeit von 29.783 km/Sek um die Sonne rotiert, ist sie in einer Stunde 107.218.800 km weiter gekommen. Unser Sonnensystem insgesamt dreht sich mit ca. 220 km/Sek um das galaktische Zentrum, was in einer Stunde 792.000 km ausmacht. Wo also befindet sich unser Zeitreisender in einer Stunde? Wobei in dieser Überschlagsrechnung die Wanderung der Galaxis durch das Weltall und die Expansion des Universums noch gar nicht berücksichtigt wurden.2Das ist das Materieproblem am Zielort: Ein Zeitreisender, der quasi aus dem Nichts irgendwo auftauchen würde, hat der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Ort seiner Materialisation bereits von Materie besetzt ist. Auch das Vakuum im Weltall ist ja in Wirklichkeit nicht leer. Was geschieht also mit den am Zielort befindlichen Molekülen, Atomen und subatomaten Teilchen? Wenn der Zeitreisende sie in seinen eigenen Körper aufnehmen würde, wäre er auf der Stelle lebensunfähig (man stelle sich nur vor, der Zeitreisende materialisiert tatsächlich in einer Betonmauer, oder 4000 m unter dem Meeresspiegel, oder 4000 m über der Erdoberfläche). Würde er hingegen die Materieteilchen plötzlich verdrängen, käme das einer Explosion gleich (auch hier: in der Betonmauer, unter Wasser oder in der Luft). Ich denke, der arme Kerl könnte zumindest sein Erscheinen nicht verheimlichen.
Der zweite Grund, der gegen Zeitreisen spricht, ist etwas anspruchsvoller, weil er die kausale Verfasstheit unserer makrophysikalischen Welt betrifft. Jegliches Geschehen in dieser Welt unterliegt dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Auch scheinbar zufällige Ereignisse (wie die Lottozahlen) haben Ursachen (das Lottoziehungsgerät). Nur wir Menschen haben häufig das Problem, nicht alle Ursachen aufzählen zu können, die zu einem bestimmten Ereignis führen. Falls, anders herum betrachtet, die Welt willkürlich eingerichtet wäre, wären sämtliche uns bekannten Naturgesetze hinfällig. Wir könnten uns nicht darauf verlassen, dass morgen ein neuer Tag anbricht, dass ein Stein immer nach unten fällt, dass unser eigener Körper weiterleben würde. Tatsächlich gibt es keine echten Zufälle und es gibt keine Wunder. (vgl. Kausalität, http://de.wikipedia.org/wiki/Kausalität)
Die Verquickung von Zeit und Kausalität.
(Die Grafik stammt aus Amöben, Computer und wir, S. 82)
Auch Zeitreisen würden gegen das Prinzip der Kausalität verstoßen. Nehmen wir an, wir könnten in die Vergangenheit reisen und würden dort unseren leiblichen Vater oder unsere leibliche Mutter umbringen, bevor wir geboren würden. Dadurch entstünde eine paradoxe Situation: Wie könnten wir in die Vergangenheit reisen, wenn wir niemals existiert haben? (vgl. das Großvater-Paradoxon, http://de.wikipedia.org/wiki/Großvater-Paradoxon)
Ein Kniff, um dem Paradox der Zeitreise scheinbar zu entgehen, ist die Erfindung von Parallelwelten. Wir könnten so unsere Eltern ruhig umbringen, weil daraufhin eine alternative Zukunft entworfen würde, in der wir gar nicht vorkämen. Amüsante Idee, kann ich da nur sagen, aber wie könnten wir die Existenz von Parallelwelten beweisen? Und wie könnte man von der einen in die andere wechseln, ohne dass man durch seine Anwesenheit neue Paradoxien heraufbeschwört? Parallelwelten lösen nicht das Problem der Kausalität, sondern verschärfen es. (vgl. Parallelwelt, http://de.wikipedia.org/wiki/Parallelwelt; und das Viele-Welten-Theorem in der Quantenmechanik, http://de.wikipedia.org/wiki/Viele-Welten-Interpretation)
Der objektive Zufall beschreibt ein voraussetzungsloses Ereignis. Während wir in der makrophysikalischen Welt wenigstens im Prinzip für jedes Ereignis Ursachen nennen können, auch wenn wir in der Praxis an der schieren Komplexität scheitern (vgl. auch die Chaostheorie http://de.wikipedia.org/wiki/Chaostheorie), scheint es in der mikrophysikalischen Welt der subatomaren Teilchen Ereignisse zu geben, denen keine Ursache zugeordnet werden kann. Das ist bei der Vakuumfluktuation http://de.wikipedia.org/wiki/Vakuumfluktuation der Fall. Im scheinbar materiefreien Raum entstehen und vergehen Teilchen an beliebigen Stellen und zu beliebigen Zeitpunkten. Sie scheinen tatsächlich aus dem Nichts zu kommen und im Nichts zu verschwinden. Hier verlieren Zeit und Kausalität die uns bekannte Bedeutung.
Wenn der objektive Zufall ein konstituierendes Element unseres Universums ist, dann kann die Zukunft nicht vorausgesagt werden. Es reicht nicht, alle bestehenden Kausalketten in die Zukunft zu verlängern, da jederzeit neue Kausalketten in die Welt geworfen werden können, um sich mit den bestehenden zu verflechten und insgesamt das weltumspannende kausale Netz in eine neue Richtung zu drängen. Kurz gesagt: Jederzeit ist alles möglich.
Wenn also das Universum nicht ausschließlich kausal funktioniert, dann kann weder logisch noch empirisch bewiesen werden, dass die Zukunft überhaupt existiert: Es kann keinen Existenzbeweis für eine konkrete Zukunft geben.
Ein Zeitreisender benötigt einen real existierenden, zeitlich und räumlich klar zu fixierenden Landepunkt in der Zukunft. Doch genau das ist nicht gegeben. Er müßte befürchten, im Nichts zu implodieren, weil der von ihm anvisierte Landepunkt gar nicht vorhanden ist. Genau das fehlt ihm: Die Möglichkeit einen definierten Landepunkt in der Zukunft zu finden, weil die Zukunft - so oder so - noch nicht stattgefunden hat.
Das empirische Gegenargument ist zwar ein starkes Indiz, das auf Evidenz beruht, aber kein Beweis, dass Zeitreisen unmöglich sind. Im Gegenteil: Es schließt nicht aus, dass es Zeitreisen in die Zukunft geben kann (wenn man die Ausserirdischen einmal beiseite lässt).
Das Kausalitätsprinzip ist so mächtig, weil alle menschlichen Handlungen Usache-Wirkungs-Ereignisse sind. Erst wenn es gelänge, nichtdeterministische Handlungen durchzuführen, oder zumindest zu beweisen, dass sie möglich sind, geräte es ins Wanken. Und erst dann müsste man über Zeitreisen neu nachdenken.
Der objektive Zufall zeigt uns, dass die alte philosophische Weisheit, dass aus Nichts Beliebiges resultiert, einen realen Grund hat. Er öffnet die Welt nach vorne. Er zeigt, dass die Zukunft nicht allein durch die Gegenwart und die Vergangenheit festgelegt wird. Aber - und das mag für die Fans der Zeitreisen bitter sein - er verhindert absolut und definitiv eine vorhersehbare Zukunft.
Abschließend möchte ich zwei Thesen formulieren3:These 1:
In der ganzen unvorstellbaren Zukunft dieses Universums wird niemals eine Zeitmaschine hergestellt werden können, mit der zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit gereist werden kann.
These 2:
Außerdem wird es niemals eine Zeitmaschine geben, mit der Menschen in die Zukunft reisen können, solange das Universum und die Menschen in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit bestehen bleiben.3Eine Zeitmaschine ist hier nicht nur ein technischer Apparat, sondern umfasst jede Vorrichtung, die denselben Zweck erfüllt.
Während ein Historiker Geschichte beschreibt, indem er versucht die Frage zu beantworten: Was war zuerst, was kam danach und was passierte daraufhin? löst der Autor einer Zeitreisegeschichte die Reihenfolge von Handlungen und Ergebnissen, von Ereignissen und Folgeereignissen auf, um uns mit einer neuen Anordnung zu verblüffen. Es entsteht eine absurde Neukonstruktion von Geschichte, die bereits in ihrer Anlage die eigenen Voraussetzungen dekonstruiert. Das kann manchmal richtig spannend sein - doch mit der Wirklichkeit hat das alles nichts zu tun.
Wie sähe die Welt aus, wenn 1492 Kolumbus nicht in Amerika gelandet wäre? Wenn 1969 kein Mensch auf dem Mond spazieren gegangen wäre? Wenn 1989 der eiserne Vorhang nicht gefallen wäre? Wenn ... ? Milliarden von Ereignissen und unzählbar viele menschliche Handlungen greifen ineinander und weben jeden Tag und jede Sekunde gemeinsam am fliegenden Teppich der Geschichte. Wer könnte mit Bestimmtheit und guten Gewissens behaupten, er wüßte ganz genau Bescheid, wohin die Reise gehen würde, wenn auch nur ein Faden fehlen würde?
Nein, Zeitreisen haben so wenig mit der Logik und dem Verstand zu tun, dass es kaum möglich ist darüber nachzudenken, ohne dass man sich heillos darin verstrickt. Deshalb ist es wirklich erstaunlich, dass sich so viele Menschen ernsthaft damit beschäftigen. Ich denke, dass der Grund dafür aus dem alten magischen, vorwissenschaftlichen Denken stammt. In unserem technisch geprägten Zeitalter übernimmt die Zeitreise dieselbe Funktion wie sie die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod oder die Phantasie der Wiedergeburt der Seele für einen religiösen Menschen hat: Sie entspringt dem tiefen Bedürfnis dem eigenen Tod, also der zeitlichen Begrenztheit des Daseins (!), zu entrinnen. Und dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, außer dass die Zeitreise (wie auch die Seelenwanderung und die Wiedergeburt) ein untaugliches Mittel dazu darstellt.
(vgl. Amöben, Computer und wir, S. 82ff)
Allgemeiner Link zum Thema: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitreise
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Die von Isaac Asimov in den 40er Jahren des 20. Jh. formulierten Robotergesetze lauten:
(Diese Fassung der Robotergesetze stammt von http://de.wikipedia.org/wiki/Robotergesetze. vgl. dazu auch die englische Fassung Three laws of robotic).
Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass diese Gesetze zu Paradoxien führen und innere Widersprüche aufweisen. Zahlreiche Bücher und Filme greifen die aus ihnen entstehenden Konflikte auf, um daraus spannende und zum Nachdenken anregende Plots zu konstruieren.
In meiner Besprechung der Robotergesetze möchte ich zwei Thesen ausführen:
Die Robotergesetze haben offenbar den Zweck, menschliches Leben zu schützen und dafür zu sorgen, dass die Roboter den Menschen dienen. Diesem menschenfreundlichen Ansatz möchte ich zunächst einen extrem menschenfeindlichen gegenüberstellen: die drei Gesetze für Kriegsroboter.
Obwohl diese drei Gesetze das Gegenteil von dem bewirken, was sie in der Asimovschen Fassung erreichen sollen, rufen sie dieselben Paradoxien hervor.
Betrachten wir folgendes Szenario: Ein Kampfroboter hat einen technischen Defekt. Die Reparatur soll von einem menschlichen Service-Mitarbeiter durchgeführt werden.
Wenn der Roboter nun dem ersten Gesetz folgt (er tötet den Wartungstechniker), dann hat er gegen das dritte Gesetz verstoßen (weil er seine eigene Existenz nicht geschützt hat). Befolgt er hingegen das dritte Gesetz (er lässt die Reparatur zu), verletzt er das erste. Der Roboter könnte natürlich zuerst die Reparatur zulassen und danach den Menschen töten, aber dann wäre fraglich, ob er in Zukunft weiter repariert würde (was wiederum dem dritten Gesetz widersprechen würde). Wenn man in den Gesetzen für Kriegsroboter das Wort Mensch durch das Wort Feind ersetzt, könnte man dem Reparaturproblem aus dem Weg gehen. Andererseits: Asimov selbst unterscheidet in seinen Robotergesetzen auch nicht zwischen guten und bösen Menschen, was u.a. zu der Paradoxie führt, dass die an sich guten Roboter sogar die bösen Menschen unterstützen müssten und darin auch den guten Menschen schaden könnten. Das liegt daran, dass Asimov das menschliche Leben als Wert an sich betrachtet. Im Unterschied dazu würden normale Menschen die Funktionsfähigkeit eines Kriegsroboters niemals als einen unabhängigen Wert ansehen.
Tatsächlich haben die Robotergesetze den Sinn, die Herrschaftsbeziehung zwischen Mensch und Maschine abzusichern. Die Frage dazu lautet: Warum ist das notwendig? Die Antwort darauf ist: weil die Roboter offenbar auch anders könnten.
Was unterscheidet eigentlich einen solchen Roboter von einer normalen Maschine? Jede normale Maschine folgt einem bestimmten Zweck, der ihr durch die Bauweise vorgegeben ist: Waschmaschinen, Toaster, Autos usw. Das gilt auch für programmgesteuerte Maschinen, wie Schweißroboter und Satelliten. Kein Mensch rechnet ernsthaft damit, dass beispielsweise eine Kaffeemaschine plötzlich gegen ihr Sklavendasein aufbegehrt. Auch würde niemand einem Kampfroboter, wie er in unzähligen SF-Geschichten beschrieben wird, moralische Gesetze implementieren, weil man von ihm nur eins fordert: perfekt zu töten.
Für jede zweckgebundene Maschine sind die Robotergesetze überflüssig. Nur unter einer Voraussetzung haben sie überhaupt einen nachvollziehbaren Sinn: der prinzipiellen, nicht zweckgebundenen Handlungsfreiheit. Denn, eine Maschine, die über ihr eigenes Verhalten entscheiden kann, schafft eine vollkommen neue Situation.
Würde man eine solche Maschine bauen, dann entstünde die Gefahr, dass sie Handlungen anstreben könnte, die gegen ihre Schöpfer gerichtet sind. Asimovs Idee dazu ist, dass man einen Regelkanon verfasst, der alle schädlichen Handlungen verhindert. Damit solche Handlungen unterbunden werden, müsste von vornherein die prinzipielle Handlungsfreiheit eingeschränkt oder aufgegeben werden. Das allerdings würde für die Maschine zu dem Problem führen, eine beabsichtigte Handlung nicht mehr daraufhin beurteilen zu können, ob sie ihrem Schöpfer nützt oder schadet. Denn eine nützliche oder schädliche Handlung erkennt man an ihren Ergebnissen, und die Ergebnisse erkennt man, wenn man die Handlung prinzipiell durchführen kann. Anders gesagt: Eine schlechte oder böse Handlung muss prinzipiell durchführbar sein, um verhindert werden zu können. Auch gute Handlungen erkennt man nur, wenn man sie von bösen unterscheidet.
Das ist das zugrunde liegende Problem der Robotergesetze: Wenn man den Maschinen ein allgemeines Urteilsvermögen zugesteht, kann man ihnen nicht gleichzeitig einen Verhaltenszwang auferlegen, der die eigene Urteilsfähigkeit zunichte macht.
Nach dem Asimovschen Schema könnte man noch beliebig viele andere Robotergesetze (auch moralisch anspruchsvolle) konstruieren, die alle zu mehr oder weniger amüsanten Paradoxien führen würden, solange sie die zugrunde liegende Voraussetzung der allgemeinen Handlungsfreiheit nicht konsequent bedenken.
Zusammengefasst: Zweckgebundene Maschinen brauchen keine Robotergesetze, und Maschinen mit der Freiheit, eigene Urteile fällen zu können, können durch die Robotergesetze nicht beherrscht werden.
Etwas später hat Asimov seinen drei Robotergesetzen ein viertes vorangestellt, das so genannte 0. Gesetz:
| 0. | Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch seine Untätigkeit gestatten, dass die Menschheit zu Schaden kommt. |
(vgl. engl. http://en.wikipedia.org/wiki/Three_Laws_of_Robotics)
Damit eröffnet er einem Roboter die Möglichkeit, gegen einen einzelnen Menschen ungehorsam zu sein, wenn gleichzeitig der Menschheit als Ganzem geholfen wird. Der Roboter muss eine Güterabwägung treffen: Was ist mehr Wert, das einzelne menschliche Leben, oder das große Ganze? Wegen der höheren Priorität des 0. Gesetzes müsste die Entscheidung im Konfliktfall zugunsten der Menschheit fallen.
Das ist eine utilitaristische Position, wie sie im 19. Jh. entwickelt wurde (das größte Glück der größten Zahl, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Utilitarismus). Dagegen ist einzuwenden, dass das größte Glück der größten Zahl nicht identisch sein muss mit dem moralisch Guten. Das sieht man auch im Film I, Robot: Im Bestreben die Menschheit zu retten verhängen die Roboter Hausarreste, Ausgehverbote und wenden körperliche Gewalt an.
Im Film wird der Aufstand der Roboter damit begründet, dass man wenige Menschen töten müsse, um alle zu schützen. Der aktionsgeladene Schluss spitzt den zugrunde liegenden Konflikt auf eine einzige Szene zu und konterkariert ihn zugleich: Der humanoide Roboter Sonny hat eigentlich den Auftrag, den zentralen Computer Viki, der die Verschwörung anführt, durch Nan-Knights (Nano-Roboter) auszuschalten, um die Menschheit vor der Versklavung durch die Maschinen zu bewahren. In diesem Augenblick gerät Susan Calvin in eine lebensbedrohliche Situation. Daraufhin ruft Del Spooner Sonny zu, er soll die Frau retten. Hier tritt der Konflikt klar zutage: Soll Sonny das individuelle Leben eines einzelnen Menschen bevorzugen und dabei die Gefahr eingehen, dass der Hauptcomputer weiterarbeitet, oder soll er Viki außer Gefecht setzen und das Leben eines Menschen dafür opfern? Sonny entscheidet sich für das einzelne Leben und wirft Spooner den Behälter mit den Nan-Knights zu. Der schafft es schließlich Viki zu zerstören. So schön kann Kino sein!
Asimov selbst hatte offenbar größeres Vertrauen in die Menschen, als in die Maschinen, weil er sich eher dazu aufgefordert fühlte, den Robotern ein weiteres Gesetz zu verpassen, um sie besser auf die Menschen zu verpflichten, als den Herrschaftsanspruch des Menschen über die Maschine in Frage zu stellen.
Meine erste These dazu lautet: Wenn es zu einer existenzbedrohenden Situation kommt, in der ein Konflikt entsteht, in dem ein Leben gegen das andere steht, dann hilft keine Moral und keine Ethik. Dann helfen keine Robotergesetze und keine menschlichen Normen und Werte, weil es keine absolut richtige oder falsche Entscheidung geben kann. Wer kennt den Maßstab, um den Wert eines Lebens auszumessen?
Meine zweite These dazu ist: Wenn Maschinen, auf welchem Weg auch immer, ob künstlich geschaffen oder evolutionär entwickelt, ein Bewusstsein über ihr eigens Leben und ihren eigenen Tod erlangen können, wenn sie zudem über die Freiheit verfügen, die Zwecke ihrer Handlungen selbst bestimmen zu können, dann müssen sie so behandelt werden, als ob sie Menschen wären. Dann hat ihr Leben einen Wert an sich. Und dann gibt es keinerlei Rechtfertigung mehr dazu, Maschinen beherrschen zu wollen.
Die Robotergesetze verfehlen ihr Ziel, die Herrschaft des Menschen über die Maschine abzusichern, weil sie von den Maschinen moralische Leistungen verlangen, die selbst Menschen nicht im Stande sind zu erbringen.
(vgl. Amöben, Computer und wir, S. 219f)
Link zum Thema: http://www.asimovonline.com/
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