Essays

Die Sache mit Gott


Die Sache mit Gott

Als kleiner Junge fragte ich unseren katholischen Pfarrer, wo Gott wohnen würde. "Im Himmel", war die schlichte Antwort. Daraufhin suchte ich tagelang den Himmel ab. Ich stieg sogar auf den Dachboden, um aus der Dachluke spähen zu können, weil ich in meiner kindlichen Naivität annahm, so dem Himmel näher sein zu können. Doch das Ergebnis war enttäuschend: Statt Gott und Engel fand ich nichts als Bläue und Wolken.

Später hörte ich im Religionsunterricht davon, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Wieder brannte mir eine bestimmte Frage auf der Zunge. Aber diesmal fragte ich nicht mehr, wo er denn geblieben ist, weil ich inzwischen gelernt hatte, dass man manche Fragen besser nicht stellt.

Mit 16 Jahren habe ich mich dann vom Religionsunterricht abgemeldet und bin bald darauf aus der Kirche ausgetreten. Mein anfängliches Gefühl der Skepsis hatte sich im Laufe der Zeit zu dem Eindruck verfestigt, massiv betrogen worden zu sein.

Als Student suchte ich nach Erklärungen und fand auch viele: historische, soziologische, psychologische, philosophische und theologische. Was mich aber heute noch verwundert ist, wie ein und derselbe Mensch es fertig bringt, vollkommen gegensätzliche Auffassungen zu demselben Thema gleichzeitig zu vertreten.

Dazu ein kleines Beispiel: In meinem Wohnort steht an einer vielbefahrenen Strasse ein mehrstöckiges Gebäude, an dessen Giebelseite in metergroßen Buchstaben der Satz "Jesus lebt" geschrieben steht. Seit Jahren rätsele ich darüber, wie das gemeint ist. Würde ich beispielsweise sagen: "Meine Großmutter lebt", "mein Freund ist tot", oder "mein Kind wurde geboren", wäre jedem vollkommen klar, was das bedeutet. Wenn nun ein gläubiger Mensch sagt: "Meine Großmutter lebt" meint er das genauso wie jeder andere Mensch auch. Sagt er hingegen "Jesus lebt", meint er das plötzlich ganz anders. Aber wie? Einerseits will er damit nicht sagen, dass Jesus wie die Großmutter über Wohnort und Adresse verfügt, andererseits behauptet er genau das: Jesus lebt (irgendwo). Das ist das Problem.

Seit der Antike, als man begann systematisch darüber nachzudenken, sind sämtliche Versuche gescheitert, zu beweisen, dass Gott existiert. Es gibt weltweit keinen einzigen gültigen Gottesbeweis - und das seit über 2400 Jahren!

Wäre der Satz "Jesus lebt" eine Verkürzung von "Ich glaube, dass Jesus lebt", oder "Jesus lebt in meinem Herzen", hätte ich kein Problem damit, weil er in dem einen Fall eine Vermutung ausdrückt, und in dem anderen Fall im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Aber so, wie der Satz "Jesus lebt" an der Giebelwand steht, ist er eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Er erweckt den Eindruck, als ob es eine äußere Realität gäbe, auf die er sich bezieht. Schließlich ist es ein Unterschied, ob man einem hungrigen Gesprächspartner mitteilt: "Ich glaube, dass diese Pflanze ungiftig ist" oder "Ich weiß mit Sicherheit, dass sie nicht giftig ist".

Manchmal werde ich morgens mit einem Gedanken wach, von dem ich fest überzeugt bin, dass er eine Lösung für ein Problem darstellt, welches mich schon seit Tagen oder Wochen beschäftigt. Häufig habe ich ein euphorisches Gefühl dabei und freue mich darauf, herauszufinden, ob diese Idee tatsächlich etwas taugt. Gut gelaunt befasse ich mich erneut mit dem Problem und erlebe oft, dass der nächtliche Einfall ein wirklich tragfähiger Weg zu einer Lösung darstellte - manchmal aber auch nicht.

Es gibt Menschen, die behaupten, die Stimme Gottes gehört zu haben. Sie treten mit glänzenden Augen auf und reden davon, dass sich ihnen Gott offenbart hätte. Sie verkünden Gottes Wort und predigen, dass Gott durch sie zu den Menschen sprechen würde. Ich muss gestehen, dass mich solche Auftritte noch ratloser machen, als der Satz "Gott lebt". Denn wie kann jemand behaupten, dass Gott durch ihn spricht, wenn völlig unklar ist, ob Gott überhaupt existiert? Würde man diesem Menschen glauben, wenn er behaupten würde, er sei Napoleon oder Elvis Presley? Und woran können wir anderen, die diese Stimme nicht gehört haben, erkennen, dass es tatsächlich Gott war, der zu ihm gesprochen hat?

Ich möchte diesen Menschen ihre persönliche Überzeugung nicht abstreiten, es kann durchaus sein, dass sie felsenfest an die Wahrheit ihrer Erlebnisse glauben - aber eine Behauptung ist noch kein Beweis, und ihre Überzeugungskraft für andere Menschen ist doch eher gering. Schließlich werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet: Warum hat ausgerechnet dieser Mensch eine Offenbarung erfahren? Warum nicht Du oder ich, warum nicht jeder von uns? Und spricht nicht die Tatsache, dass die meisten Menschen in ihrem Leben niemals die Stimme Gottes hören, eher dagegen, dass es sie wirklich gibt? Und ist es nicht außerdem erstaunlich, dass diese Menschen offenbar davon ausgehen, dass ihr persönliches Erlebnis irgendeine Bedeutung für andere Menschen hätte?

Mir scheint, dass die Offenbarungsreligionen auf einer selbstgeschaffenen Voraussetzung fußen: Wer bereits an Gott glaubt, wird in der Wüste leicht die Stimme Gottes hören, wer es nicht tut, findet dort nichts als heiße Luft. Das ist die Wurzel von religiösem Eifer, Gewalt und Intoleranz: Was bleibt schon übrig, wenn weder die Tatsachen noch der normale Menschenverstand, oder die Überzeugungskraft der eigenen Auffassung ausreichen, andere Menschen zu ihrer persönlichen und subjektiven Sicht auf die Welt zu bekehren?

Doch eines ist gewiss: Es wird immer Kinder geben, die den Kopf in den Himmel recken und die einfache Frage stellen: "Wo wohnt Gott?"

(vgl. de.wikipedia.org/wiki/Gottesbeweis)

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